Hallo zusammen,
ich (gleich 24, männlich, Autismus-Spektrum diagnostiziert) habe in den letzten zwei Jahren in verschiedenen Subreddits viele einzelne Posts geschrieben: über meine Eltern, mein Studium, mein Auslandssemester, Wohnen, Freundschaften, Geld, Essen, Ängste und meine Berufswünsche. Beim Zurückblättern ist mir aufgefallen, dass fast alle Fragen um dieselben Knoten kreisen. Deshalb fasse ich hier alles zusammen, in der Hoffnung, dass ihr das Gesamtbild besser einordnen könnt als die Einzelposts. Der Text ist lang, aber nur der Zusammenhang zeigt, worum es mir wirklich geht. Anlass dafür ist, dass ich rezent recht krank war und viel über mein Leben nachdenken konnte. Dies wird voraussichtlich mein letzter Beitrag zu dem Thema hier bleiben, sofern es beim Status Quo bleibt.
Ausgangslage
Ich bin ein in finanziellen sehr soliden Verhältnissen aufgewachsenes Einzelkind und studiere weit vom Elternhaus entfernt, über zehn Stunden Autofahrt. Meinen Bachelor in Geographie habe ich in Regelstudienzeit abgeschlossen, inklusive eines Auslandssemesters, das mich stark belastet hat. Jetzt bin ich im 3. Semester meines Masters. Neben der Autismus-Diagnose vermute ich bei mir auch ADHS-Anteile. Finanziell hänge ich bis ungefähr Ende 2027 vollständig an meinen Eltern, mein Vater ist zudem Bürge beziehungsweise Mitmieter meiner Wohnung. Nachdem ich aus meiner WG ausziehen musste, habe ich meine erste eigene Wohnung bezogen.
Kontrolle und Überwachung durch meine Mutter
Dieses Thema zieht sich durch fast alle meine Posts. Meine Mutter handelt nach eigener Aussage aus Angst um ihr einziges Kind, doch die Auswirkungen auf mich sind gravierend. Bis ich 22 war, konnte sie mein Handy orten, teils täglich. Später wurde das auf „Ich frage vorher“ umgestellt, aber wenn ich dann tatsächlich Nein sage, folgt sofort Panik. Sie ruft mehrfach am Tag an, und wenn ich nicht rangehe, ruft sie meinen Mitbewohner an. Einmal war sie kurz davor, die Polizei zu rufen, weil mein Akku im Supermarkt leer war. Während einer einzigen Vorlesung hat sie bis zu acht Mal versucht, mich zu erreichen. Wenn ich mit Zug oder Bus fahre, will sie Ankunftszeiten, Umstiegszeiten und Wegstrecken wissen.
Auch meine Privatsphäre ist kaum geschützt. Schränke, Taschen und Jackentaschen werden durchsucht und neu sortiert, manche Dinge wurden einfach weggeworfen. Mir wurde einmal angedroht, meine Zimmertür abzumontieren. Sie wollte meine erste Wohnung selbst einrichten und bei ihrem Besuch allein dort bleiben, während ich einen Tag mit Kommilitonen verbringe. Nun möchte sie wöchentlich per Videocall prüfen, ob meine Wohnung sauber und aufgeräumt ist, weil ich an einem 38-Grad-Tag das Fenster offen gelassen hatte.
Alleine zu reisen ist mir faktisch verboten, weil die Welt „gefährlich“ sei. Gleichzeitig soll ich unbedingt reisen, nur eben nicht allein. Wenn ich Dinge selbst regeln will, etwa ein vergessenes Möbelstück bei meinen Ex-Mitbewohnern abholen, heißt es, sie sei dann ja nur noch für die „Geldspritze“ da. Eine Nachreise nach einer Summer School war nur nach großem Widerstand und vielen Tränen möglich.
Ich habe versucht, Grenzen zu setzen: Anrufe seltener angenommen, Gespräche abrupt beendet, manchmal auch patzig geantwortet. Ein Restaurantbesuch, bei dem ich ihr sagen wollte, dass ich das nicht mehr lange mitmache, endete damit, dass es nur noch um meine angebliche Respektlosigkeit ging. Weiter bin ich bisher nicht gegangen.
Erwartungen und Bewertung, vor allem durch meinen Vater
Mein Vater erwartet zwei Master oder eine Promotion, abgeschlossen bis 27 oder 28. Alternativen gibt es für ihn nicht. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen, hat sich hochgearbeitet und konnte selbst nie weiterführend studieren. Ich spüre den Druck, das zu erreichen, was ihm verwehrt blieb. Aussagen wie „Der Doktortitel ist das wenigste, was man haben kann“ oder „Ein Master ist heute wie früher das Abi“ prägen mein Bild von mir. Über Quereinsteiger macht er sich lustig, und Therapie hält er für Schwäche, früher habe man eben durchgehalten. Schon in meiner Kindheit wurden Sport und bestimmte Instrumente verboten, später prägte er auch meine politische Ausrichtung. Ich nehme seine Worte oft wie Weisungen und habe Angst vor ihm.
Meine Mutter bewertet dagegen ständig mein Aussehen und mein soziales Leben. Haarausfall, Untergewicht, Kleidung und sogar mein WhatsApp-Profilbild sind Dauerthemen. Sie hat mir gesagt, ich würde ohne Medikamente und Gewichtszunahme nie eine Partnerin finden. Wenn ich Silvester allein verbringe, weint sie und sagt, ich hätte keine Freunde. Sie erzählt mir außerdem ständig, was im Heimatort angeblich über mich geredet wird, und ich merke, dass ich mein Verhalten danach ausrichte. Streiten meine Eltern wegen meiner Berufswünsche, fühle ich mich dafür verantwortlich. Sie sagen zwar immer, ich entscheide selbst, aber ich glaube es ihnen nicht.
Das zeigt sich auch bei Nebenjobs: Gewisse Studijobs darf ich nicht ausüben, weil sie nicht den sozialen Erwartungen meiner Familie entsprechen. Es geht dabei weniger um die Tätigkeit selbst als darum, wie sie nach außen wirkt und was im Umfeld darüber gesagt werden könnte. Dadurch fällt ein großer Teil der Möglichkeiten weg, mir etwas Eigenes zu verdienen und unabhängiger zu werden. Bestimme Jobs, vor allem im Handel und der Gastronomie sind komplett tabu, aus Klassismus, der nach meiner Ansicht zum racial profiling dient (unterschwellig „diese jobs machen nur Ausländer“).
Studium: Durchhalten ohne Überzeugung
Ich habe direkt nach dem Abitur studiert, weil ein Gap Year (trotz finanzieller Möglichkeit) oder eine Ausbildung nicht vorgesehen waren, und ein Fach gewählt, in dem ich in der Schule gut war. Spätestens seit dem dritten Semester bin ich innerlich ausgestiegen. Ein Abbruch war trotzdem nie denkbar: wegen des Lebenslaufs, der verlorenen Zeit, des Geldes und der Enttäuschung der Familie. Ich ziehe Dinge bis zum Umfallen durch und kenne die Haltung „probieren wir es mal, schauen wir, was wird“ überhaupt nicht.
Der Bachelor lief mit durchschnittlichen Noten und oft mit sehr wenig Lernaufwand. Ich habe nie richtig gelernt, wie ich lerne, weil früher meine Mutter mit mir gelernt hat und ich nachher das Auswendiglernen vernachlässigt habe. Ich schiebe alles bis zum Schluss auf, und mein Schlafrhythmus bricht zusammen, sobald ich Angst habe. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, mein Abitur und meinen Bachelor „nicht verdient“ zu haben, obwohl ich beides in Regelzeit geschafft habe.
Meine Interessen wechseln alle paar Wochen: Physik und Mathematik, Fahrplangestaltung, Theologie, Schiffbau, Palliativpflege, Bildungspolitik. Ich lerne viel dazu, verliere aber das Interesse, sobald es um Spezialisierung geht. Offen ist für mich, ob ich den Plan „zweiter Master“ nur verfolge, um Zeit zu gewinnen, oder ob ich ehrlich fragen sollte, was ich eigentlich will. Ein Abbruch würde bedeuten, dass ich zurück ins Elternhaus müsste, und das kann ich mir nicht vorstellen.
Das Auslandssemester
Mein Auslandssemester im französischsprachigen Ausland war der bisher schwierigste Abschnitt meines Studiums. Ich bin mit Eifer hingegangen und habe mir sogar ein Ticket für Freizeitangebote gekauft, aber keinen einzigen Cent davon genutzt. In den Einführungswochen habe ich keinen Anschluss an Gruppen gefunden. Auf Social Media habe ich dann gesehen, wie genau diese Gruppen gemeinsam Dinge unternehmen, während ich an sechs Abenden pro Woche allein in der Wohnung saß. Das einzige, was mir Halt gab, war der Unichor, aber das war nur ein Abend pro Woche. Die Kommilitonen kannten sich seit zwei Jahren, die anderen Austauschstudierenden schienen immer beschäftigt, und ich habe mich nicht getraut zu fragen.
Am Wochenende habe ich die Wohnung gar nicht mehr verlassen. Wegen der angespannten Sicherheitslage vor Ort (es gab Schießereien und Tote auf offener Straße) wollte ich nichts allein unternehmen, und mein Skizeug habe ich gar nicht erst mitgenommen, weil es eh „keinen Zweck“ hatte. Mein Schlafrhythmus war über einen Monat zerstört: Ich ging gegen 10 Uhr schlafen und stand erst um 17 Uhr auf, und wenn ich morgens etwas hatte, schlief ich höchstens zwei Stunden. Ich war über Wochen ständig den Tränen nahe, hatte leichte Panikattacken, und von drei Prüfungen habe ich zwei danach vermasselt. Einmal hatte ich am Vortag einer Abgabe auf Französisch bei null Wörtern angefangen, und ich habe mich mit Reddit wachgehalten, statt zu arbeiten.
Dazu kam der Verwaltungsaufwand. Mein Learning Agreement war nicht unterschrieben, ohne dass ich es bemerkt hatte, und ich wusste lange nicht, ob mir Leistungen angerechnet würden. Ich hatte Heimweh nach meiner Uni und meiner WG, nicht nach meiner Familie, und ich kam mit dem fremden System nicht zurecht. Meine Eltern haben in dieser Zeit die Handyortung wieder stärker genutzt und mich mindestens zweimal täglich angerufen. Ich habe es toleriert, solange ich dort war, mit dem Plan, danach „neue Saiten aufzuziehen“. Finanziell ging es mir in dieser Zeit eigentlich gut, mit Unterhalt, Erasmus-Zuschuss und Stipendium. Trotzdem habe ich nur einmal am Tag gegessen, das Zimmer bei rund 15 Grad nicht geheizt und wochenlang keine Wäsche gewaschen, weil mir alles zu teuer vorkam. Ich glaube, dass sich viele meiner heutigen Muster in diesen Monaten verstärkt haben: der Rückzug, die Angst, andere zu stören, und das Gefühl, alles allein bewältigen zu müssen.
Beruf: der Traum vom Lokführer und die Angst vor Bewerbungen
Seit meiner Kindheit ist es mein Traum, Züge zu fahren. Diese Faszination wurde zu Hause klein gehalten, auch wegen meiner Diagnose, denn meine Mutter findet das „zu sehr Autismus-Klischee“. Deshalb wissen meine Eltern nichts davon, und ich erzähle anderen, ich wolle in die Forschung, obwohl ich dabei nichts fühle. Abends gehe ich manchmal zu kleinen Bahnhöfen und spüre den Fahrtwind der durchfahrenden Schnellzüge. Das gibt mir für einen Moment Ruhe.
Ich denke ernsthaft über einen Quereinstieg nach, weiß aber, dass ich dafür vermutlich einen zumindest zeitweisen Bruch mit meiner Familie riskiere. Dazu kommt die Angst vor Bewerbungen überhaupt. Sobald ich mich auf eine Stelle bewerben möchte, erscheint mir alles zu kompliziert: Unterlagen, Abläufe, mögliche Fehler. Ich sehe nur Probleme und keine Lösungen. Gleichzeitig befürchte ich, Menschen in der Firma nur von ihren eigentlichen Aufgaben abzuhalten, wenn ich eingestellt würde oder auch nur nachfragen müsste. Daneben denke ich immer, dass andere Menschen viel besser für diese Arbeit geeignet wäre. Ich habe wenig Praxiserfahrung, meine bisherigen Ferienjobs habe ich über Beziehungen bekommen, und ich hatte noch nie ein richtiges Vorstellungsgespräch. Ich schreibe Bewerbungen und lösche sie wieder, weil ich glaube, dass niemand sie lesen will. Dabei spreche ich mehrere Sprachen fließend und bin analytisch stark, traue mir das aber selten zu. Der Traumberuf fühlt sich mit jedem Studienschritt weiter weg an. Als ich meine Bachelorurkunde abgeholt habe, war da nur Leere.
Ängste und Kontrollrituale im Alltag
In meiner aktuellen Wohnung habe ich Angst zu kochen, weil ich die Wohnung beschädigen könnte und die Kaution nicht zurückgezahlt würde. Diese Angst hat sich inzwischen ausgeweitet: Ich fürchte Erdbeben, weil dabei Dinge aus dem Schrank fallen und den Boden beschädigen könnten. Dazu kommen Kontrollhandlungen. Wenn ich die Wohnung verlasse, überprüfe ich drei- bis viermal, ob alles ausgeschaltet und alle Fenster geschlossen sind. Ich weiß, dass das übertrieben ist, kann es aber nicht lassen. Die Angst, etwas kaputt zu machen oder anderen zur Last zu fallen, steckt in fast jedem Bereich meines Lebens. Wenn ich tatsächlich einen (minimalen) Schaden bemerke, dann versinke ich in Selbstbestrafung, esse für einen Tag gar nichts mehr.
Selbstabwertung, Selbstverletzung und dunkle Gedanken
Das ist der Teil, der mir am meisten Sorgen macht. Bei Fehlern, Niederlagen, einem verpassten Bus oder einem Streit reagiere ich extrem hart gegen mich selbst. Ich schreie, ich sei der dümmste Mensch auf diesem Planeten und hätte nicht verdient zu leben. Ich schlage mich mit Gegenständen, einem Gürtel oder Stiften, zerstöre Dinge, trete gegen Mülltonnen, ritze mich und deute Würgen an, teils auch in der Öffentlichkeit. Bei Erfolgen spüre ich dagegen fast nichts. Meltdowns passieren vor allem in Situationen mit meinen Eltern, wenn ich unter Druck oder Provokation stehe.
Es gab Phasen, in denen ich an Suizid gedacht habe, besonders an Bahnsteigen, an hohen Fenstern oder beim Anzünden einer Kerze. Ich habe auch schon geschrieben, dass ich keine Angst vor dem Sterben habe. In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass sich diese Handlungen steigern und gefährlicher werden. Eine Therapie habe ich bisher nicht begonnen, aus Angst, jemandem „den Platz wegzunehmen“, und wegen der Haltung meines Vaters. Mir ist inzwischen klar, dass das kein Schach-Problem ist, sondern ein Muster, das sich durch alle Lebensbereiche zieht.
Soziales Leben, Wohnen, Körper und Geld
Ich habe wenige enge Freundschaften, Kontakte versanden, und bei vielen bin ich mir nicht sicher, ob es echte Freundschaften sind. In WGs habe ich aus Angst, zu stören, kaum gekocht und mich zurückgezogen. Am Ende wurde ich gebeten auszuziehen, was eine schwere Krise ausgelöst hat. Dazu kommen die Angst vor dem Alleinbleiben und Alleinsterben, FOMO und gleichzeitig Lähmung, und das Gefühl, meine Jugend verpasst zu haben.
Meine Eltern bezeichnen mich als stark untergewichtig, obwohl Ärzte seit Jahren nichts finden und meine Blutwerte unauffällig sind. Zuletzt gab es den Druck, sechs bis sieben Mahlzeiten am Tag zu essen, verbunden mit der Drohung künstlicher Ernährung. An antriebslosen Tagen esse ich dagegen fast nichts oder nur Fast Food und rohe Nudeln. Der Haarausfall ist ein Dauerthema, ich nehme teure Medikamente, die meine Eltern bezahlen, und fühle mich dabei nicht gefragt.
Was alle Posts verbindet
Wenn ich alles nebeneinanderlege, sehe ich sieben Muster:
Fremdbestimmung: Entscheidungen werden für mich getroffen, kontrolliert oder bewertet, bis hin zur Frage, welche Jobs ich annehmen darf.
Angst vor Enttäuschung: Ich richte mein Verhalten danach aus, ob sich jemand für mich schämen könnte.
finanzielle Abhängigkeit: Jede klare Grenze fühlt sich riskant an.
harte Selbstkritik: Kleine Fehler lösen Selbstabwertung, Meltdowns und Selbstverletzung aus.
Angst vor Fehlern und davor, Schaden anzurichten oder zur Last zu fallen, bis hin zu Kontrollritualen und Vermeidung (Kochen, Bewerben).
ein fehlender Zugang zu eigenen Wünschen: Ich weiß, was mich begeistert, traue mich aber nicht, es auszusprechen.
Rückzug und Erschöpfung in Form von Antriebslosigkeit, Schlafproblemen und Isolation, wie im Auslandssemester besonders deutlich.
Ich sehe das Muster inzwischen klar. Trotzdem scheitere ich im entscheidenden Moment: Ich rechtfertige mich, verhandle oder tue am Ende doch, was von mir erwartet wird.
TLDR: Ich hale mein Leben nicht mehr aus, fühle mich immer am falschen Platz, und komme daraus nicht heraus.
Danke an Claude um mir das alles zusammenzufassen.